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Prag / Praha

Die mehr als tausendjährige Geschichte der „Goldenen Stadt“ Prag begann mit dem Bau der Prager Burg Vyšehrad auf dem Hradschin Ende des 9. Jahrhunderts. Hier sagte die böhmische Fürstin Libuše einer alten Legende nach den Ruhm Prags vorher: “Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm bis zu den Sternen reichen wird...”.
Sie hat sich nicht geirrt. Karl IV., böhmischer König, war auch Kaiser des Römischen Reichs, Prag war seine Hauptstadt. Noch heute ist die Burg das Wahrzeichen Prags, Millionen von Touristen pilgern Jahr für Jahr auf den Hradschin, um das beeindruckende Bauwerk und seine Kunstschätze zu besichtigen.
Unter Rudolf II. (1576-1611) wurde die Prager Burg zum Zentrum der Künste und Wissenschaften in Europa.
1918 wurde der Hradschin schließlich zum Amtssitz des Staatspräsidenten. In der Burggalerie sind Gemälde weltberühmter Maler wie Rubens, Tizian und Veronese zu besichtigen. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist die Schatzkammer in der Heilig-Kreuz-Kapelle mit kostbarem kirchlichem Gerät und Reliquien. Einem antiken Triumphbogen ähnelt das barocke Matthias-Tor aus dem Jahr 1614. Ein Besuch der Burg lohnt aber allein schon wegen des fantastischen Blicks auf Prag, den man von der Burgrampe aus genießen kann. Nordwestlich des Burggrabens stößt man auf eine weitere berühmte Sehenswürdigkeit Prags: das Goldene Gässchen (Zlatá ulicka) mit seinen kleinen, malerischen Handwerkerhäuschen. Hier haben vor mehr als vier Jahrhunderten die Alchimisten versucht, Gold herzustellen, und nach dem Stein der Weisen gesucht. Sie hatten mit ihren Bemühungen keinen Erfolg.
Aber wer weiß?
In einer Stadt wie Prag können auch heute noch Märchen wahr werden.

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Prag im Jahre 965

Die Stadt Prag ist aus Steinen und Kalk erbaut, und sie ist der größte Handelsplatz jener Länder. Zu ihr kommen aus der Stadt Krakau die Rus und die Slawen mit Waren, und es kommen zu ihnen aus den Ländern der Türken (= Ungarn) Muhamedaner, Juden und Türken gleichfalls mit Waren und gangbaren Münzen und führen von ihnen Sklaven, Zinn und verschiedene Felle aus. Ihr Land ist das beste von den Ländern des Nordens und das reichste an Lebensunterhalt. Für einen Pfennig verkauft man ihnen soviel Weizen, daß ein Mann daran für einen Monat genug hat, und man verkauft bei ihnen an Gerste für einen Pfennig das Futter von 40 Nächten für ein Reittier, und man verkauft bei ihnen 10 Hühner um einen Pfennig. In der Stadt Prag verfertigt man Sättel, Zäume und dicke Schilde, die in ihren Ländern im Gebrauch sind. Auch verfertigt man im Lande Böhmen dünne locker gewebte Tüchelchen wie Netze, die man zu nichts anwenden kann. Ihr Preis ist bei ihnen wertbeständig, 10 Tücher für einen Pfennig. Mit ihnen handeln sie und verrechnen sich untereinander. Davon besitzen sie ganze Truhen. Die sind ihr Vermögen und die kostbarsten Dinge kauft man dafür: Weizen, Sklaven, Pferde, Gold, Silber und alle Dinge. Seltsam ist, daß die Bewohner Böhmens braun und dunkelhaarig sind, der blonde Typus ist bei ihnen wenig vertreten.

(Ibrahim Ibn Jakub: [Reisebericht.] In: G. Jacob (Hrsg.): Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. Und 10. Jahrhundert. Berlin 1927.)

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Zwischen Salzstrasse und Bernsteinstrasse...

Ausgangspunkt war eine Furt unterhalb des Hradschin: Im flachen Schwemmland innerhalb des Moldauknies entwickelte sich am Schnittpunkt zweier Fernhandelsstraßen, der von Osten kommenden Bernsteinstraße und der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Salzstraße, eine Kaufmanns- und Händlersiedlung, die spätere Altstadt. Sie wurde in der Folge den Juden überlassen und bildete das legendäre Ghetto, das Ende des 19. Jahrhunderts der Spitzhacke zum Opfer fiel. Von dieser ältesten Siedlung haben sich die Alt-Neu-Synagoge, der jüdische Friedhof und einige romanische Wohnhäuser, heute durchweg Kellerräume, zwischen Rudolfinum, Altstädter Ring und der Langen Gasse erhalten. Dieser ältesten Siedlung war auch ein Wik deutscher Kaufleute mit dem St.- Peters-Kirchlein zuzurechnen, der später in der Altstadt aufging.

Auf der Landseite dieses inneren Siedlungskerns entfaltete sich im 11. und 12. Jahrhundert ein geräumiger Markt, der heutige Altstädter Ring (Staromestské námestí); seine konvex gekrümmte westliche Häuserfront markiert die Grenze zum ehemaligen Ghetto. Im Norden entstand der Komplex der königlichen Zoll- und Stapelstätte des Teynhofes; die Marienkirche am Teyn, 1135 erstmalig erwähnt, wurde in der Folge zur großen Bürgerkirche, der Teynkirche (Týnský chrám).

Im Osten des Marktes legten um 1230 süddeutsche Kolonisten unter dem Locator Eberhard eine regelmäßige Stadt an; ihre Achse, ein langgestreckter Straßenmarkt, ist heute noch im Zug der Rittergasse (Rytíršká) zwischen Ständetheater und Kohlmarkt an den gotischen Laubengängen erkennbar. Die dieser Kolonistensiedlung - der Gallusstadt - verliehenen königlichen Privilegien wurden in der Folge auch den Einwohnern der älteren Siedlungen zuteil. Seit 1240 faßte dann ein einheitlicher Mauerzug das gesamte Gebiet zwischen Národní, Graben und Revolu?ní zur kommunalen Einheit der heutigen Altstadt zusammen.

Bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts führte eine steinerne Brücke zum jenseitigen Ufer unterhalb des Hradschin. König Ottokar II. gründete hier 1257 eine Stadt norddeutscher Kolonisten, die Kleinseite. Die in den quadratischen Kleinseitner Ring mit seinen Laubengängen hineingesetzte Niklaskirche samt Kolleg hat die Geräumigkeit dieser Anlage zwar beeinträchtigt, doch bleibt ein deutlicher Unterschied zum Winkelwerk der Altstadt. Die Statue des Roland auf dem letzten Pfeiler der Karlsbrücke auf der Kampa - einer der Kleinseite vorgelagerten Insel - markierte einst die Grenze zwischen der nach Magdeburger Recht verwalteten Kleinseite und der auf Nürnberger Recht verpflichteten Altstadt.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts schließlich nahm die westlich vor der Burg auf dem Höhenrücken entstandene Siedlung (Burgstadt) von Ministerialen, Burgmannen und Klerikern den Charakter eines eigenen Stadtteiles an; bereits aus dem 15. Jahrhundert ist ein Rathaus überliefert. Ihr Marktplatz war der heutige Hradschiner Platz zwischen Erzbischöflichem Palais und dem Palais Toskana.

Die große Wende in der Geschichte Prags trat ein, nachdem der junge Böhmenkönig Karl IV. 1346 im Bonner Münster zum deutschen König gekrönt worden war. In Absage an das "fahrende Kaisertum" seiner Vorgänger wollte er dem Reich eine ständige Hauptstadt geben. 1348 begann er mit einer großzügigen Stadterweiterung: Um den alten Stadtkern wurde im Halbkreis ein Mauerring von 3,5 Kilometer Länge gelegt und die Neustadt mit drei geräumigen Marktplätzen, dem Heumarkt, dem Roßmarkt (heute Wenzelsplatz) und dem Viehmarkt (heute Karlsplatz) abgesteckt. Außer zwei Pfarrkirchen erhielt der neue Stadtteil durch sechs Klöster architektonische wie kommunale Schwerpunkte. Neubürger wurden durch beachtliche Vergünstigungen angelockt: Wenn ihre Häuser 18 Monate nach Zuweisung der Parzelle unter Dach waren, sollten sie für zwölf Jahre steuerfrei bleiben. Vor allem Handwerker mit lärmendem Gewerbe sollten hier siedeln, dazu Gerber, Zeidler (Bienenzüchter), Mälzer und Bierbrauer.

So präsentierte sich Prag Ende des 14. Jahrhunderts als Metropole, bestehend aus vier Stadt- elementen: Um den ältesten Siedlungskern des Ghettos legte sich die Stadt der meist deutschen Kaufleute mit dem Altstädter Rathaus als Mittelpunkt; auch die Kleinseite war vorwiegend Handels- stadt; auf dem Hradschin gab es eine Stadt der königlichen Ministerialen; und die Neustadt wurde vorwiegend von Handwerkern, kleinen Gewerbetreibenden und Taglöhnern bewohnt. Solche Unter- schiede mußten Spannungen heraufbeschwören. Tatsächlich ging die Revolution der Hussiten von der Neustadt aus, als nämlich im Jahre 1419 aufgebrachte Anhänger des tschechischen Magisters Jan Hus das Neustädter Rathaus stürmten und die deutschen Schöffen aus den Fenstern warfen. Die nach- folgenden Hussitenkriege eliminierten das deutsche Bürgertum nahezu völlig; Prag wurde für zwei Jahrhunderte zu einer utraquistischen Stadt mit tschechischer Umgangssprache.

Die Lage änderte sich, als Kaiser Rudolf II. Prag 1576 abermals zur Reichshauptstadt machte: In der Hradschinstadt und auf der Kieinseite entstanden zahlreiche Botschafterresidenzen und Adelspaläste, die Hofhaltung zog Künstler und Kunsthandwerker aus ganz Europa an - die Welsche Gasse (Vlašská) auf der Kleinseite erinnert an die Kolonie italienischer Bauleute -, in der Bürgerstadt eröffneten deutsche und niederländische Händler und Handwerker Kontore und Werkstätten. Der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung ließ Prag zur Einheit zusammenwachsen. Der Dreißigjährige Krieg, an dessen Ende Prag wiederum zu einer katholischen Stadt geworden war, beschleunigte diese Entwicklung, indem der Grundbesitz vieler protestantischer Familien, die Böhmen verlassen mußten, in das Eigentum des neuen Schwertadels überging, der fortan die Führungsschicht bildete. Er verlieh seinem Selbstbewußtsein durch prunkvolle Stadtpaläste Ausdruck - nicht nur Kleinseite und Hradschinstadt wurden damals zu Adelsstädten, auch die übrigen Stadtteile Prags erhielten durch Kloster- und Kirchenbauten, Villen und Residenzen ein barockes Gepräge. 1784 schließlich wurden die gesonderten Städte einer einheitlichen Magistratsverwaltung unterstellt.

Prag war bis dahin kaum über den von Karl IV. abgesteckten Bereich hinausgewachsen - das geschah erst im 19. Jahrhundert im Zeichen der Industrialisierung. Durch die sprunghaft ansteigende Bevölkerung verloren die Deutschen 1861 die Mehrheit im Stadtrat. Die neuen Vorstädte Zizkov, Weinberge/Vinohrady, Karolinental/Karlín oder Smíchov waren eindeutig tschechisch.

Der heutige Besucher orientiert sich meist am Zentrum der modernen Metropole, dem Wenzelsplatz (Václavské námestí), ohne sich Rechenschaft zu geben, daß dieser Platz mit seinen großzügigen Abmessungen auf eine mittelalterliche Anlage zurückgeht. Ähnlich geht es in Prag mit vielen anderen Dingen, etwa den Gaststätten und Bierlokalen, die oft auch eine jahrhundertealte Tradition besitzen. Ob man es nun will oder nicht: Man taucht in Prag ständig in Geschichte ein und sieht sich in Spannungsfelder einbezogen, die weit über den böhmischen Raum hinauswirken.

In Prag wurde nicht nur wiederholt über Europa entschieden, Prag ist eine der Hauptstätten europäischen Schicksals.

(Götz Fehr: Modell der europäischen Stadt. In: Merian (1965))


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